LESEPROBEN „Ich geh jetzt zur Untersuchung in die Klinik“, sagte Franziska. „Weibi“, sie wurde sogar bis ins hohe Alter so genannt, antwortete: „Du weißt doch, ich hab schon Eileiterdurchblasungen machen lassen und auch sonst alle möglichen Untersuchungen. Die Ärzte haben festgestellt, dass  ich kann nicht schwanger werden kann. Außerdem ist meine Unterwäsche heute nicht die Beste.“ Franziska blieb beharrlich: „Es schadet doch auf keinen Fall, wenn  du dich wieder einmal anschauen lässt!“ Also schlenderte Weibi neben ihrer dickbäuchigen Freundin her, Richtung „Lucina“, nicht ohne sie wegen ihres Bauches und des darin schon gehörig strampelnden Babys heimlich zu beneiden. Im Kopf hatte sie ohnehin die Sorge, etwas wäre nicht ganz in Ordnung. Obwohl sie regelmäßig ihre Blutungen bekam, fühlte sie sich schwer, mit einem Knoten im Unterbauch. Bei sich dachte sie an einen Tumor, schob diesen Gedanken aber ganz schnell wieder beiseite. Hans war erst seit wenigen Monaten aus der französischen Gefangenschaft zurück. Bedingt durch seinen Einsatz bei der Resistance durfte er in der Nähe von Nizza ein Gefangenenlager leiten, wo er für das leibliche Wohl der vor gefangen genommenen  österreichischen Soldaten der ehemals deutschen Wehrmacht zu sorgen hatte, so gut er es vermochte. Stolz hatte er berichtet, wie er für mehr als fünfzig Personen Knödel zubreitet hatte. Knödel und Kohl! Da hatten alle gewaltig zugeschlagen. Nachher hatten die Mägen und Därme revoltiert. Aber geschmeckt hatte es allen und es war eine riesige Abwechslung nach den ewigen Kartoffeln gewesen. Nun war er wieder da, der Hans, schmal, blond und mit glänzenden Augen stand er da und umarmt hat er sie, als würde er sie nie wieder loslassen wollen. Vergessen waren die Gedanken, dass er vielleicht nur einen Unterschlupf gesucht hatte, nachdem Mizzis Mann wieder zurück war und förmlich gerochen hatte, dass da noch ein anderer sein müsse. Also waren Mizzi und Manja damals zur geschiedenen Weibi gekommen, hatten Hans mitgeschleppt, alsbald behauptet, einen Krug Bier holen zu wollen und blieben verschwunden. Hans aber machte Weibi Komplimente, die sie nicht verstand. Sie war in ihrem Arbeitskittel beim Fensterputzen überrascht worden und kam sich verschwitzt und unordentlich vor. Sie ahnte nicht, wie reizvoll sich ihre vollen Brüste unter dem Stoff abzeichneten, ihre dunklen, vollen Locken ihr weiches Gesicht umrahmten und ihre blauen Augen zu blitzen begannen. Hans fand sie umwerfend erotisch  und naiv zugleich, eine für Männer berückende Mischung. Nach einem gemeinsam getrunkenen Malzkaffee verabschiedete er sich, versprach aber bald wieder zu kommen, was bereits am nächsten Tag wieder geschah. Tag für Tag stand er vor ihrer Tür, wenn sie vom Milacek nach Hause kam, wo sie für wenig Geld Mehl verpacken half. Dafür war aber immer Brot da, was ihr dann später während des Krieges eine große Hilfe war. Hans bedrohte Konrad, Weibis Exmann, der diese mit einer Krankenschwester betrogen hatte, um Geld für ein Motorrad zu bekommen. Nur damit hatte er die  Möglichkeit, den Job bei den Heilmittelwerken zu kriegen, um Medikamente auszufahren. Um jene Krankenschwester, die er als Sportlehrer auf dem Eis kennen gelernt hatte, zu beeindrucken, war ihm leider nichts besseres eingefallen, als sich von Weibis gelähmten Vater Geld zu leihen. „Ich will deiner Tochter zu Weihnachten einen Ring kaufen“, soll er dem alten Herrn gesagt haben und der  hatte ihm das Geld bereitwillig geliehen. Das Pech war nur, dass der alte Vater nach den Feiertagen „Weibi“ nach dem Ring fragte und damit kam alles ans Licht. Konrad hatte sich von „Weibi“, die alles andere als risikofreudig war, im Stich gelassen gefühlt, als er sie bat, sie solle ihm für den nötigen Geldbetrag bürgen. Die Krankenschwester war sofort bereit, ihm alles Geld  zu leihen, als er ihr schöne Augen machte, nur war es danach schwer für ihn, sie wieder los zu werden. Weibi reagierte ohne Verständnis, war in ihrem Stolz gekränkt und reichte die Scheidung ein, was damals eine außergewöhnliche Handlung für eine junge, einfache Frau war. Vielleicht hätte sie sich mit ihrem Konrad wieder ausgesöhnt, der auch sehr oft mit roten Rosen vor ihrem Wohnhaus wieder aufkreuzte und recht reuig dastand, wäre da nicht der beharrliche und fordernde Hans gewesen. Zwischen zwei feschen Männern zu wählen war auch damals schon eine heikle und verwirrende Angelegenheit Also beschloss die begehrte Weibi zu einer Kusine nach Kritzendorf auf Urlaub zu fahren. Während dieser zwei Wochen hoffte sie, einen klaren Kopf zu bekommen und die richtige Entscheidung zu treffen. Ungeschickter Weise gab sie Hans die Wohnungsschlüssel, damit er ich sich in ihrer Abwesenheit um die kleine Wohnung kümmert. Was sie genau damit gemeint hatte, war unklar. Jedenfalls hatte es bewirkt, dass Hans in der Zwischenzeit sein Untermietszimmer in der Nähe des Franz Josef Bahnhof geräumt hatte. Die Vermieterin hatte  Weibi  mitgeteilt, dass es sich bei diesem Herrn um einen ausnehmend netten und ordentlichen Untermieter handelte. Hans war aber in diesen Tagen nicht irgendwo anders hin gezogen, sondern in Weibis Zimmer- Küche -Wohnung. Viel hatte er nicht mitzubringen gehabt. Im Wesentlichen sei es ein kleiner Handkoffer mit alten Socken gewesen, erzählte sie später oft. Als Weibi von Kritzendorf zurückkam, fühlte sie sich überrumpelt. Sie getraute sich Hans aber nicht hinauszuwerfen, wegen der Leute, behauptete sie. „Die Leute“ spielten in ihrem Leben eine große Rolle. Später merkte sie, dass Hans sich illegal politisch betätigte. Aber nicht so, wie viele andere für die Nazis, sondern dagegen. Sie  hatte sich politisch nie interessiert, obwohl sie jahrelang in Fabriken gearbeitet hatte, wo sie nicht einmal auf die Toilette durfte, und sich dabei ein lebenslanges Darmleiden geholt hatte. Trotzdem  hing sie ihm jetzt an den Lippen, wenn er ihr aus dem marxistischen Manifest vorlas, ihr den Imperialismus erklärte, sie aufmerksam machte, wie die bestehende, allgemeine Arbeitslosigkeit und der Preisverfall unweigerlich zum wirtschaftlichen Zusammenbruch führen müsse und dass der Anschluss an Deutschland, die Arbeitsplätze in Munitionsfabriken und der Straßenausbau zu nichts anderem als zu einem Krieg führen könne. Daraufhin kratzte sie ihr bisschen Erspartes zusammen und kaufte sich ein damals neues, bequemes Doppelbett, Teppiche und eine Singer Nähmaschine. Mit Hans fuhr sie, die Geschiedene, an einem heißen Sommertag nach Ungarn, geschminkt, was sie sonst nie war. Dort sollte es ihr möglich sein, nochmals eine Ehe einzugehen. Im schönen Budapest im dortigen Rathaus teilte man dem Paar mit, dass dem nicht so sei. Also schlenderten sie etwas enttäuscht durch die Innenstadt, speisten in einem Innenstadtlokal  gefüllte Paprika, tranken herrlich, blumigen Rotwein und nahmen sich ein Zimmer im Hotel, oberhalb des Lokals. Das hatte den Vorteil, nicht mehr weit gehen zu müssen. Das Zimmer war noch sonnig, als sie es betraten. Ein kleiner Erker bot einen Blick auf die Hauptstraße. Davor war ein schwerer, bequemer Ohrensessel. Das doppelte Stahlrohrbett war mit sonnengelben Stoffstreifen am Kopf und Fußteil behängt und  mit einem Spitzenüberwurf bedeckt, daneben waren dunkle Nachtkästchen mit Lämpchen auf beiden Seiten. Sonst war da noch ein Kasten im Art Deco Stil, sowie ein dazu passender Waschtisch, auf dem eine Keramikschüssel und ein Krug standen. Zwei Sessel und ein zierlicher Tisch rundeten das Bild ab. Hans schloss die Tür hinter  ihnen und versperrte sie. Dann zog er sie an sich, schob ihr buntes, blumiges Chiffonkleid über die Schulter und küsste ihre auffordernden Brüste. Sie begann schwer zu atmen. Sie sah ihn an. “Und du liebst mich?“ „Ja.“ „Nicht wahr, du hast doch gesagt, dass du mich lieb hast!“ „Ja“, log er. “Ich hab dich lieb. “Er hatte es nie vorher gesagt. „Und du wirst mich gewiss nie betrügen, so wie er es getan hat?“ „Nein, wie kommst du denn darauf?“ flüsterte er ihr sanft ins Ohr und knabberte ein bisschen daran. Insgeheim dachte er, dass sie ein bisschen verrückt  sei. Welche Frau könnte denn wirklich glauben, ein fescher Mann wie er gefiele nicht den anderen Damen. Und dass einer wie er schlecht nein sagen könne, würde sie schon noch begreifen lernen. Aber sie war besser für ihn, als die Bahnhofsschlampen mit ihren ewigen Forderungen um neue Kleider und zu bezahlenden Friseurrechnungen. Er dachte an Irmgard, mit ihrem dressierten Sohn, der auf Augenwink das Zimmer verließ, wenn er sich an den Hosenbund griff. „Wir spielen ein niederträchtiges Spiel, nicht wahr? sagte sie „Was für ein Spiel?“ „Sei nicht blöd.“ „Nicht absichtlich.“ „Du bist sehr lieb, sagte sie. “Und du spielst diese Spiel auch recht gut, aber im Grund ist es mies, verstehst du?“ „Weißt du immer, was andere denken?“ „Nicht immer, aber bei dir weiß ich es. Du brauchst mir nichts vorzumachen“ WEIBI Copyright Sonja Henisch