Theodora oder die Quadratur des Seins Copyright Sonja Henisch LESEPROBEN 13. Kapitel: Bei Katharina Katharina war etwas verwundert, als ich mit einer Reisetasche, meinem Laptop  und Skizzenbüchern vor ihrer Gartentür stand. "Komm rein", meinte sie freundlich, " erst eine Tasse Kaffee und ein  Stück Apfelstrudel, dann schaut der Tag schon wieder besser aus!", lachte sie. "Wenn es bloß so einfach wäre!", seufzte ich, während ich meine Tasche im Vorraum abstellte. "Nun, mach nicht so ein Gesicht, es hat sich noch immer alles aufgeklärt und zum Besseren gewandelt!", versuchte sie mich aufzumuntern. Als ich bei dem kleinen Küchentisch saß, berichtete ich ihr das Vorgefallene. Jetzt schüttelte sie missbilligend den Kopf: "Wie leicht man in solche Geschichten hinein rutschen kann! Aber solche Sachen können auch nur dir passieren! Ich treffe niemals solche  Leute!" Ich zuckte mit den Achseln. "Vielleicht bin ich unternehmungslustiger als du, nehme leichter Kontakt auf, vielleicht höre ich zunächst Menschen mehr zu. Doch das ist jetzt egal, " schloss ich, "ich brauche deine Hilfe, kann ich einige Tage bei dir bleiben?" "Klar, " meinte Katharina, "wenn dir mein Häuschen nicht zu minder ist, soll es mich freuen. Übrigens: ich habe heute vor, einen kleinen Antiquitätenladen  aufzusuchen. Ich habe einige alte Stücke, die ich dort hin bringen möchte. Fährst du mit?" Ich war sofort einverstanden. Ich weiß nicht wirklich, was mich an solchen Läden reizt. Wenn ich dort bin, fühle ich mich von den vielen unnötigen Dingen erschlagen und doch ist es faszinierend, was alles von Menschen geschaffen wurde. "Hast du eigentlich Angst?", fragte mich Katharina unvermutet, als wir in ihrem  blauen Seat saßen. "Nein, nicht wirklich, aber auch kein echt gutes Gefühl!", antwortete ich,  "ich muss mich nicht unnötig Gefahr aussetzen und wenn ich für andere nicht berechenbar bin, bin ich auch weniger angreifbar. Außerdem: Gebe ich meinem Gegner, wer immer das ist, Kessler oder Doktor Neubert oder beiden  zusammen die Möglichkeit, mir zu schaden,  tun sie sich selbst nichts Gutes. Das heißt, ich schütze auch sie, indem ich mich schütze!" "Ach du, mit deiner  seltsamen Philosophie!", wehrte Katharina ab, "wer ein Schwein ist, soll auch wie ein Schwein behandelt werden!" "Das ist die Meinung der meisten Menschen und eigentlich ein toller Erfolg des  zweitausend Jahren wirkenden Christentums oder soll ich besser sagen der Erfolg  der Katholischen Kirche?", fragte ich. Ich hatte Katharina an einem wunden Punkt getroffen, was ich nicht vorhatte. Sie wehrte mürrisch ab und bremste scharf vor der bereits rot leuchtenden Ampel. Dann bog sie in eine Seitenstraße mit niederen Häusern ein. Es war ein Stadtviertel, das ich nicht kannte. Das Geschäft lag an einer Hausecke. Wir betraten es und Glöckchen ertönten. Wie erwartet gab es hier viel zu viele Dinge. An den Wänden hingen alte Teppiche, auf Stellagen  standen Gemälde, die zumeist Landschaften zeigten. In Vitrinen waren alte Schmuckstücke zu sehen und auf den Tischen altes Geschirr, Porzellanfiguren und Trödelkram. Weiter hinten standen einige Büsten, die zum Teil von Jugendstilleuchtern verdeckt waren. Lange Zeit kam niemand. Katharina stellte die Schachtel mit Porzellanschalen auf  einen Stuhl und wartete.   Nach einiger Zeit rief sie: "Hallo, ich bin da! Wir haben einen Termin!" Ein Teppich, der eine Türöffnung verdeckte,  beulte sich nach vorne und ein hagerer, missmutiger alter Mann trat hervor. "Ach ja, sie sind es, " meinte er, "zeigen sie her, ob ich das Zeug brauchen kann!" Während Katharina die Schalen auspackte, trat ich nach hinten, um die Büsten zu betrachten. "Die verkaufe ich nicht, sie brauchen mich gar nicht zu fragen", krächzte der Alte in meine Richtung. "Das sind wohl Gipsabgüsse?", wagte ich zu fragen. "Wo denken sie hin, das links ist eine echte antike Büste von Kaiser Justinian, und die daneben ist..." Ich hörte ihm schon nicht mehr zu und verglich das Porträt der Büste mit dem bekannten Bildnis des Mosaiks von Ravenna. Dieses hier schien mir edler, weniger bäurisch. Der Kopf daneben schien Theodora zu sein, fein lächelnd, hoheitsvoll. Ich war überzeugt, dass diese Büsten nicht antik sein konnten. Aber ich befand mich bereits wieder in der Geschichte Theas. Vielfältige Statuen der Götter und Helden umgaben den quadratischen Garten mit dem Brunnen, in den Räumen waren die Böden mit Mosaiken versehen, kostbares Mobiliar zierte die Räume. Während ich mich für die Vorstellung vorbereitete, sah ich die Hausherrin mit graziösen Bewegungen die Lichter zwischen dem köstlichen Brunnen und den Rosenbeeten anzünden. Kostbare Geschmeide schmückten ihren Hals und ihre Arme, während  zarter Stoff ihren Körper umspielte. Beim Gespräch mit den Gästen wechselte sie problemlos vom Griechischen ins Lateinische. Ich begriff, was "Domina" bedeutete. Ich wollte ebenfalls Herrin sein, mühelos Autorität ausstrahlen und von Luxus umgeben sein. Das war mein Ziel. Ich beobachtete die Gäste, die es sich entspannt auf den Liegen bequem gemacht hatten und erfasste immer mehr die Mischung beider Sprachen, was die Anwesenheit hoher Offiziere und Beamter bedeutete. Ich entdeckte die Apsis des Speisesaales, wo sich die köstlichen Speisefolgen befanden. Mit Essenzen versehene Wasserschalen wurden zum Benetzen der Finger angeboten und zyprischer Wein in die Becher gefüllt. Es erfüllte mich mit Energie, diese Chance als Herausforderung anzunehmen. Es waren dieselben Männer, die sie hier scharten, um mich zu sehen, aber in der Öffentlichkeit vorgaben, mich nicht zu kennen. Ich wusste um das Gesetz, dass ein hoher Beamter eine Schauspielerin oder Prostituierte nicht heiraten durfte. Aber waren Gesetze nicht schon immer dazu da, geändert oder gebrochen zu werden? Mich konnten sie jedenfalls in meinen Plänen nicht einschüchtern! Die Musiker ließen ihre Flöten und Trommeln  ertönen, langsam, traumwandlerisch stieg ich in den Rhythmus ein,  jede öffnende Drehung eines Gelenks  als Kostbarkeit an die Gottheit  gelebt, jede Dehnung als Opfergabe für die Schönheit getanzt. Und ich wusste sehr wohl, wie ich mich zurück nahm, um die Gäste noch mehr in ihrer Fantasie zu reizen. Langsam wurde der Trommelrhythmus rollend, die Flöten und Lauten klangen voller, ich beugte und streckte mich, drehte und schüttelte meinen Körper vor Lust und Erregung und hatte verdeckende Tücher fallen gelassen, so dass Brüste und Scham nur von dreieckigen, glitzernden Stoffteilen bedeckt waren. Meine Arme und Beine bewegten sich  Schlangen gleich und erinnerten das Fleisch der Männer an ihre liebste Tätigkeit. Als ich mich zuletzt lasziv auf den Boden sinken ließ, nahm der Applaus kein Ende.  Strahlend verbeugte ich mich mehrere Male, ließ mir von einem Mädchen einen seidenen Mantel bringen und zog mich zunächst zurück. Jetzt war der wichtigste Teil für mich zu tun: die richtigen Kontakte zu  knüpfen! Nachdem ich mich mit Puder und Duftwasser erfrischt hatte, kam ich wieder vor das kostbare Velum, dem Vorhang zwischen den Räumen, und ließ mir Wein in einen Becher füllen. Zugleich erhoben die Gäste ihre Becher und lobten und beglückwünschten mich. Ein hagerer, scharfnasiger Mann mit  einer sanften Glut in den dunklen Augen stand bei einer der Säulen und schien in ein Gespräch mit der Dame des Hauses vertieft. Doch seine Augen wanderten immer wieder zu mir und unsere Blicke trafen sich. Er liebte das Theater und vor allem die Schauspielerinnen, das wusste ich. Wenn er sich für mich interessierte, dann sollte es ausschließlich sein! Er bewunderte mich, das sah ich. Als das Gedränge um mich etwas lockerer geworden war, näherte er sich mir mit freundlichen Worten und schob mir eine rote Frucht an die Lippen. Genussvoll ließ ich mir die Kirsche schmecken, wobei ich das mit Sinnlichkeit tat. Hekebolos versuchte, mich an der Schulter zu berühren. Ich schien es nicht zu merken und wendete mich scheinbar von ihm ab. "Ich erwarte dich noch heute!", flüsterte er mir zu, bevor er das Fest verließ. Nachdem ich mich an den köstlichen Speisen delektiert  hatte und noch einige Zeit die Bewunderung der Verehrer genoss, verließ ich das  Haus. In meiner Sänfte ließ ich mich zu Hekebolos bringen. Die Villa von Hekebolos lag nahe beim Meer. Blühende Ranken umgaben den Garten, das Haus war von Bäumen verdeckt. Die Sterne strahlten verheißungsvoll in der lauen Nacht. Er wartete bereits, als ich das letzte Stück des Kiesweges auf ihn zu schritt. Ein Bassin  ließ das Gebäude  stattlich erscheinen. Er trat aus der Dunkelheit, als ich mich ihm näherte. "Komm, wir wollen erst einen Schluck köstlichen Wein  miteinander genießen!", begrüßte er mich und reichte mir ein rubinrot funkelndes Glas. Während ich einen Schluck machte richtete ich meine Augen auf ihn. Sein Gesicht war bis zu den Schläfen hin gerötet und glühte vor Begehren. "Ich bin geehrt, hier bei  dir Gast sein zu dürfen", stellte ich höflich fest. Ich wusste, dass es ihn verrückt machte, wenn ich mich kühl und förmlich verhielt. Nur die Blicke und die Sprache meiner Bewegungen verhießen bewusst anderes. Auch er schenkte sich sein Glas voll und beobachtete mich. "Ein schönes Fest, du warst wunderbar, gleich einer Göttin!", versicherte er mir. Mit einem leichten Nicken nahm ich sein Lob an. Die Sklaven ruhten bereits. Wir waren allein. Plötzlich stellte er sein Glas ab, nahm mich auf seine starken Arme und trug mich in seinen Schlafraum. Die  Öllichter flackerten und zeigten ein Zimmer mit rötlichen Fresken von Tänzerinnen an den Wänden. Auf dem großen Bett lagen kostbaren Decken. Er stellte mich kurz  auf den Teppich davor und entkleidete mich. Ich ließ es willig geschehen. Dann hob er mich  auf die Decken, streichelte meine Hüften, küsste Hals und Brust und fand sehr rasch seine Erfüllung. Als sich sein Atem beruhigt hatte, gestand er mir: "Ich bewundere dich. Du und ich, wir haben vieles gemeinsam. Du wünscht dir ebenso Aufstieg, wie ich mir die nächste Beförderung! Wenn du willst, kannst du mit mir nach Pentopolis kommen, dazu gehören Teuchira, Berenice, Tolemaide, Boreion, und Appolonia Sozousa, ich werde dort die zivile Administration leiten,  was hältst du davon?" Ich fühlte nur den Wunsch nach sozialem Aufstieg. Also nickte ich. "Wie leben die Menschen dort?" wollte ich wissen "Wir sind zwanzig Tagesreisen von Alexandria entfernt. Souza liegt am Kreuzungspunkt des Imperiums mit der Einsamkeit der Wüste. Manchmal stören die Arianischen Vandalen mit ihrer gehassten Flotte den Frieden und gelegentlich werden die  Mauren mit ihren Überfällen unangenehm. Aber es gibt einen Limes, der Sicherheit schafft. Ich werde Einnahmen aus Steuergeldern der Verwaltung und der Rechtssprechung haben. Dir wird es gut gehen, der Palast soll einen fürstlichen Garten haben, willst du?" Mit dieser weiteren Frage schloss er seine Erklärungen, zog mich in seine Arme und küsste mich auf die Stirne, auf die Wangen und auf den Hals. "Und was wird meine Aufgabe sein?", fragte ich, etwas verwirrt von dem unerwarteten Angebot. "Du wirst da sein,  um mich glücklich zu machen!", war seine feste Überzeugung. Ich öffnete kurz die Augen und sah, dass Katharina noch immer mit dem Alten über die Schalen verhandelte. Auf einem staubigen Lehnstuhl nahm ich Platz.  Gleich darauf war ich wieder in den Bildern einer anderen Zeit. Der Palast war aus Stein mit kleinen Fenstern, um die unerträgliche Hitze draußen zu lassen, eine Reihe von Zimmern war in Felsen eingegraben. Es war nur möglich, während der Nacht, in den Morgen und Abendstunden im Garten zu lustwandeln. Hekebolos ging während des Tages seinen Geschäften nach. Was sollte ich tun? Ich fürchtete fett und stumpfsinnig zu werden. Zwar gab es des Öfteren Einladungen bei  hohen Beamten in der Umgebung. Aber die Männer ödeten mich an. Die  Augen  fielen ihnen fast aus dem Kopf, wenn sie mich anstarrten, und ihre Frauen langweilten mich. Sie hatten nur  über ihre Dienerinnen, die Kinder und den Erfolg ihrer Männer zu tratschen, Tanz und Theater war ihnen etwas Anrüchiges! Diese dummen Gänse! Also hielt ich entweder  den Mund, dann galt ich als hochnäsig, oder ich ließ ich meine spitze Zunge über  ihre Dummheit und Ignoranz Bemerkungen machen, dann  wollten sie mich meine Herkunft spüren lassen. Hekebolos lachte dann nur und wendete sich ab. Ich hatte noch immer die Hoffnung, er könnte unsere Beziehung legalisieren. Nicht dass ich ihn liebte, aber ich wollte endlich wirklich Herrin sein. Einmal, als diese infamen Weiber wieder über mich tuschelten und klatschten, sagte ich ihnen so  laut, dass es alle hören konnten: "Wenn ich wollte, dann hätte ich jeden  von euren edlen Männern bei mir im Bett, seht ihr denn nicht, wie jeder einzelne nach mir sabbert! Und danach, das versichere ich euch, hätte er nicht mehr das geringste Interesse an euch!" Danach verließ ich das Haus. Das war wohl zuviel! Als Hekebolos in den Palast kam, glühte er vor Zorn. "Du hast mich zu einem  Hahnrei gemacht! Du redest mit den vornehmen Damen davon, mit ihren Männern zu huren! Was glaubst du eigentlich! Du bist eine Hure und bleibst es! Ich lass mich nicht von einer wie dir lächerlich machen!" "Und ich soll mich von den Frauen deiner Freunde beleidigen lassen? Du lachst dazu! Das entehrt dich nicht? Du hast gewusst, wer ich bin und ich dachte, du schätzt und liebst mich! Denkst du, ich wäre sonst mit dir in diese verdammte Gegend gekommen?", war meine Antwort. Zunächst glaubte ich noch, er würde sich bis  zum nächsten Morgen beruhigen. Doch er würdigte mich keines Blickes. Als Bettlerin wollte er mich fort jagen. Doch ich hatte Gold und Schmuckstücke von meinen Einnahmen mitgebracht, mittellos war ich nicht zu ihm gekommen. Am nächsten Tag packte ich  meine Kostbarkeiten zusammen und verließ sein Haus. Ich wusste nur, dass ich in die Hauptstadt zurückkehren musste. Ich hatte das Ungleichgewicht der Machtmittel schlecht kalkuliert und ich empfand, dass es gut war zu gehen. Ich wäre nicht glücklich geworden. Mit einer Kutte bekleidet begab ich mich auf ein Handelsschiff, mit dem ich nach Alexandria reiste. Dort  suchte ich zuerst die Basilika auf. Aufrecht schritt ich auf den Altar zu. Der Priester, der sich dort zu schaffen machte, schaute kurz auf. "Ich brauche Hilfe!", flüsterte ich ihm zu. "Hilfe?", seine Stimme klang fragend, "Hilfe? Bist du auch Christin?" "Ich glaube an den dreifaltigen Gott mit dem nicht geschaffenen Vater, dem geschaffenen Sohn und dem Hervorgehen des Heiligen Geistes",  sagte ich, "außerdem glaube ich an Maria Theotokolos, die Gottesgebärerin." Der Priester gab mir einen Wink, ihm zu folgen. Durch mehrere Gänge und über Stiegen betraten wir einen freundlichen Raum, in dem sich der Patriarch aufhielt. "Hier ist eine Frau, die um Hilfe bittet", meldete ihm der Priester, indem er sich verbeugte und danach den Raum verließ. Ich war mit einem schlanken, gut aussehenden jungen Mann allein. Deshalb zog ich mir in dieser Situation die Kapuze noch weiter über den Kopf, um mein Gesicht möglichst zu verdecken. Die dunklen Augen des Mannes ruhten eine Weile auf meiner Gestalt. Er begann zu sprechen. Es sollte wohl eine Prüfung sein: "Er war wieder auferstanden, daher wahrer Gott, er war am Kreuz wie ein Mensch gestorben, daher wahrer Mensch. In der Dreifaltigkeit wurde er verehrt wie eine Person. Wie viele Naturen entsprechen einer Person?" Ich war so klug, auf diese religionsphilosophische Frage nicht zu antworten. Stattdessen bat ich ihn, mir den Weg zu Erleuchtung zu zeigen. Er nahm Platz und wies mir einen Stuhl zu.  Nachdem er mein Interesse wahrnahm, führte er mich in das Thema des Ökumenischen Konzils in Chalkedon, im Jahre 451 n.Ch. ein: " Damals wurden die Lehren von Origenes von Alexandrien verurteilt, der angeblich von Wiedergeburt in seinen Schriften redete, aber auch die Lehren des Mönchs Eutyches, den ersten Theologen des Monophysismus. Für Eutyches besaß Jesus allein göttliche Natur. Ich gebe zu, dass Eutyches sich sehr weit vorgewagt hat, es könnte scheinen, dass er die reale Menschlichkeit Christi verneint hat,  so wie vor ihm Arius und später dann Nestor in anderer Weise dessen Göttlichkeit begrenzt haben!" Ich wollte Luft holen, um ihm zu sagen, dass ich von diesen Dingen zu wenig wüsste, sie auch nie studieren konnte. Aber meine Sorge, keine Hilfe zu bekommen, schnürte mir die Kehle zu. Der junge Geistliche verlor sich weiter in seiner christlichen Philosophie und ihrer Geschichte: "Aber was ist zur Lösung zum Konzil von Chalkedon zum sagen? Man hatte sich zu leicht dem Willen des Bischofs gebeugt! Mit brachialer Gewalt hat man die Christen gezwungen, an die Dreifaltigkeit zu glauben. Man hatte verkündet, dass das Fleisch gewordene Wort - eine Person der Dreifaltigkeit- zwei Naturen hat, die menschliche und die göttliche. Man hat behauptet, eine wäre von der anderen zu unterscheiden, und doch seien beide vollkommen und unteilbar! Die einfachen Heiden hat man zum Christentum bekehrt, indem man ihnen einredete, wenn sie Christen werden, sind sie durch Christus von allen Sünden befreit und hat ihnen damit die Selbstverantwortung für ihr Handeln genommen! Denn die Sünde wider den Geist, dass ist jene, mit der ich anderen Menschen schade, ihnen Schmerz zufüge oder ihnen die Würde nehme, die ist immer nur durch gerechtes und gutes Handeln zu sühnen! Man hat das Ansehen von Origenes beträchtlich geschmälert. Denn dieser hat wahrhaftig in jahrzehntelanger, mühevoller Arbeit die alten Texte verglichen. Er hat diese auf ihre Wahrhaftigkeit geprüft und von seinen Schreibern kopieren lassen, um das richtige Wort der Nachwelt zu erhalten. Das Auf- und Niedersteigen der Seelen in mehrfachen Erdenleben ist von ihm beschrieben,  und er belegt das mit der Weisheit Salomons Kapitel 2,1 mit Matthäus 11,14,17,12 und  mit Markus 9,12, es ist nicht dem Zufall anheim gegeben, sondern wird von der Gotteswelt geleitet. Es ist kein ewiger Kreislauf, sondern dient dem Aufstieg und der Wiedereingliederung der Abgefallenen in die himmlischen Hierarchien. Wenn die Seelen nicht mehr vom Stachel des  Todes verletzt  werden können, wird auch der Tod vom Sieg über ihn verschlungen werden und selbst der Fürst der Finsternis kehrt wieder zu Gott zurück!" Ich schob jetzt die Kapuze zurück, sah ihm ins Gesicht: "Ich will vorerst nur nach Konstantinopel zurück", kam es mir über die Lippen. "Du darfst das wahre Ziel nicht aus den Augen verlieren!", antwortete er,  "so wahr ich Timotheos, der Patriarch von Alexandria bin, werde ich dir helfen.  Severos wird dich in ein Kloster begleiten, dort wirst du das Nötigste bekommen. Wenn du seelisch und körperlich gestärkt bist, werden wir dir raten, wie du deine Reise fortsetzen kannst." Mit einem Wink entließ er mich. Draußen wartete Severos. Er lächelte mich an: "Wer um Hilfe bittet, dem wird geholfen, das hat schon unser Herr Jesus gepredigt. Komm jetzt mit mir!" Wir verließen die Kirche und schritten durch enge, staubige Gassen. Vor dem Tor einer steinernen Mauer hielt er an. Er klopfte an das Tor. Ein Spalt tat sich auf. Er wechselte ein paar Worte mit einer Pförtnerin und verließ mich, nicht ohne Worte des  Segens zu sprechen. Liebevoll nahmen mich die Nonnen auf, und umringten mich voller  Neugierde. Sie brachten mich zur Äbtissin, der ich meine Geschichte berichten musste. Es war dämmrig im Laden, als ich die Augen öffnete. Mir war es eine Ewigkeit, die ich erlebt hatte.  Der Alte schaltete eine Lampe an und sagte zu mir:  "Die Büste von Kaiserin Theodora gefällt ihnen wohl. Wenn sie diese kaufen wollen, können wir darüber reden!"