AMERIKA Copyright Sonja Henisch LESEPROBEN Weites, weites Land, geraubt, nicht bekommen, von unübersehbarer Größe, mit Himmeln, voll berauschenden Anblicks. Ruhig und gleichmäßig ist dein Herzschlag noch immer, auch wenn kleinere Geister als jemals zuvor auf dir herum irren, um dich zu finden in ihrem selbst. In Orange, Gold und Rot ragen die Farben, die nicht existent sind In die unwirkliche Bläue hinauf. Ich finde es wundervoll. Obwohl ich selbst ebenso unwirklich bin, bin ich Sensor all dieser göttlichen Unwirklichkeit. Und da sitze ich neben den Fällen, neben Chinesen, Indern und Möwen, die jenen Futter abverlangen, obwohl sie mit Grazie in die strudelnde Tiefe hinab tauchen, Magiern gleich, die jede Schwerkraft hinter sich lassen, scheinen im Nebel der Gischt ihre sanften Umrisse auf, um im nächsten Augenblick wieder verschwunden zu sein. Gleißend spricht das morgendliche Sonnenlicht zu ihnen Und erzählt ihnen von den Ewigkeiten, die es hier schon beschienen hat. Absichtslos gleitend lauschen die Vögel Der gewaltigen Stimme des tosenden Wassers neben ihnen. Und da sitze ich noch immer neben den Fällen Absichtslos lauschend, das Tao erfahrend. Wumm, wumm, wumm, ob andere es ebenso hören wie Leila und ich. Was war es, das mich hierher zog Aus ferner Zeit von weit her? Es gibt eine Menge anderer Plätze, die ich in diesem Leben noch aufnehmen möchte in dieses Bewusstsein. Warum nicht Tibet, Petra, Plätze in Indien? In Paris war ich noch nie Und auch nicht in Moskau. 2 Tiefe Tränen voll Glück und voll Traurigkeit habe ich verspürt, trotz all der Schönheit, die es hier gibt. Traurigkeit aus alten Tagen, aus jener Zeit, als meine Haut nicht weiß war, wie jetzt, sondern in einem Olivbraun getönt, so, wie damals, als mein Gesicht mich aus dem Tunnel angeblickt, mit langem, gerade geschnittenem Haar. Dennoch wusste ich, dass es mein Ich war, was immer mich angeblickt hat, weit durch die Zeit. Zeit, die Illusion ist, wie man immer mehr weiß. Also war ich damals und bin heute, fühle Leid, Tod, Liebe, Entbehrung, habe von allem genug. Also bin ich die fliegende Möwe, weit unten im Fall, bin der Fisch in der Tiefe, der Wind rund um mich, bin meine Freundin Leila, die liebevoll mich hierher geführt hat und bin der Sonnenstrahl, der uns umgibt.